Liebe Sürtherinnen und Sürther,
liebe Flägelskappen,

wir blicken auf eine erfolgreiche und sehr schöne Session 2020 zurück, bei der aber auch die hitzig geführten Klimadebatten nicht spurlos vorüber gingen. Kamelle und Strüßjer schädigen das Klima, mussten wir lernen, der Lehrkörper einer Schule hatte gar beschlossen, dass seine im Zug mitgehenden Grundschulkinder gar nichts mehr werfen dürfen, das wäre zu klimaschädlich. Wer wagte zu sagen „Mer kann och üvverdrieve“ outete sich sofort als nicht zeitgemäß, als klimapolitischer Dynosaurier. Mit Protest, Blockaden und heftigsten Auseinandersetzungen wurde der Hambacher Forst gerettet, er wird nicht gerodet. Aber weitgehend still und unbeachtet werden weiterhin Menschen durch den Tagebau ihre Heimat, ihre Dörfer genommen, sie werden zwangsumgesiedelt. In unserer mittlerweile tief gespaltenen Gesellschaft hat der Schutz von Bäumen heute einen größeren Stellenwert als der Schutz von Menschen? Ungestraft und unkritisiert darf man von Arbeitssklaven hergestellte neueste Handys oder Sneakers kaufen, geliefert über tausende von Kilometern, aber Kamelle werfen im Karneval geht gar nicht?!

Vielleicht liegt es an unserem Alter, zählen wir Ehrensenatoren der Sürther KG Löstige Flägelskappe für junge Menschen bestimmt schon zu den unbelehrbaren Dinosauriern der Gesellschaft. Aber: Ganz bewusst hatten wir uns bereits bei der Auswahl unseres Wurfmaterials auf wertige Sachen beschränkt, fast ausnahmslos in Deutschland hergestellt, nicht über tausende von Kilometern transportiert, so z. B. auf begehrte Markenschokolade statt Billigware, Hunderte von anspruchsvollen Pralinenschachteln, dafür keine einzelnen Kamelle, die niemand aufhebt, und auch kein billiges Popcorn, das eh kaum einer essen wird. Selbst auf das Werfen von bei Kindern sehr beliebten Plastikfußbällen haben wir verzichtet, dafür haben wir dem närrischen Volk Lederbälle zugeworfen.

Das Brauchtum den Menschen zu bewahren ist in heutigen Zeiten nun wirklich nicht einfach. Nicht nur mit den „klimapolitischen“ Gegnern unseres Brauchtums muss man sich auseinandersetzen, zusätzlich haben völlig unerwartet nun alle Karnevalisten mit den Auswirkungen von Corona zu kämpfen. Ganze Karnevals-Gesellschaften stehen kurz vor dem Ruin, da bereits für die anstehende Session eingegangene finanzielle Verpflichtungen zu erfüllen sind, denen aber infolge der Covid 19-Pandemie erforderliche Einnahmen durch Kartenverkäufe für Sitzungen pp. nicht in ausreichendem Maße gegenüber stehen werden. Eine Fahrt ins Ungewisse, denn niemand kann auch nur abschätzen, ob bzw. wann die Menschen in den Festzelten unter Wahrung von Sicherheitsregeln überhaupt wieder feiern dürfen.
Das Brauchtum verbindet viele Menschen und lässt für einen wenn auch kurzen Moment gesellschaftlichen Gräben vergessen. Wünschen wir den Verantwortlichen in unseren Gesellschaften viel Glück und vor allem Erfolg, trotz Corona-Krise weiterhin ein positives Signal ins Veedel, an die Bürger der Stadt Köln und in die Welt zu senden, dass der Karneval weitergehen und die Menschen verbinden wird.

Freuen wir uns trotz aller Ausfälle und Verbote infolge von Corona auf ein schönes Jahr 2021 mit ein bisschen Spaß an der Freud, Brauchtum und Kölscher Mundart, auch wenn es kaum Sitzungen und wahrscheinlich gar keine Karnevalsumzüge geben wird.

Herzlichst

Euer Heinz Geilenkirchen
ES KG Löstige Flägelskappe